Logistik-Blog

Eine neue Führungsrolle der Logistik oder warum Google einen Logistikdienstleister gründen könnte

Seit gut 20 Jahren träumt die Logistik von IT- integrierten Supply Chains, die ohne Schnittstellenprobleme über alle Softwaresysteme hinweg funktionieren und sich je nach Situation flexibel anpassen lassen. Die Software dafür wurde noch nicht geschrieben. Überhaupt wird Software viel zu oft von IT-Spezialisten designed, die noch nie ein Lager von innen gesehen, geschweige denn Ahnung von Transportaufgaben und schon gar nicht von Supply Chains haben. Trotz teilweise hochgerüsteter IT- und Softwaresysteme befindet sich die Logistik in den Unternehmen in einem vorindustriellen Stadium. Prozesse laufen weitgehend manuell, Collaboration ist teuer und funktioniert fast nur bilateral und nach erheblichen Anstrengungen, Mitarbeiter auf allen Stufen treffen "systemrelevante" Entscheidungen auf der Basis von Teilinformationen, zu wenig oder gar falschen Fakten. Mit weitreichenden Folgen für Netzwerke und Prozesse und unter Effizienzverlusten, die niemand beziffern kann oder mag, von denen man aber ahnt, dass sie gigantisch sein müssen.


Ein BVL-Positionspapier mit dem Titel "Die neue Führungsrolle der Logistik in der Informationstechnologie", das anlässlich des 31. Deutschen Logistik-Kongress in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, legt den Finger genau in diese Wunde. Das Papier, an dem unter anderem BASF, DB Mobility Logistics und Rewe mitgearbeitet haben, fordert Politik, Wissenschaft und Wirtschaft auf, Rahmenbedingungen zu schaffen und Maßnahmen zu ergreifen, um softwaretechnologische Innovation zu ermöglichen. Die Autoren wollen einen Paradigmenwechsel in der Logistik einläuten, denn die Verbindung zwischen Informationstechnologie (IT) und Logistik berge das größte Potenzial für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Nur Länder mit eigener Technologieentwicklung würden einen signifikanten Wettbewerbsvorsprung halten können, sind die Autoren überzeugt. Die Forderung: Logistikwirtschaft und -Wissenschaft müssen eine taktgebende Führungsrolle in der Informatik und bei der Entwicklung von Informationstechnologien übernehmen. Konkret fordert die BVL in ihrem Papier unter anderem mehr Rechtssicherheit im internationalen Kontext, die Schaffung einer «German Cloud», mehr Investitionen in den Ausbau von Datennetzen oder die Standardisierung und Normung voranzutreiben. Die Informationslogistik müsse als eigenständiges Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationsumfeld begriffen werden mit dem Ziel, "Software zu produzieren wie Autos", sagt Mastermind Professor Dr. Michael ten Hompel, Geschäftsführender Institutsleiter am Fraunhofer IML und Institutsleiter an Fraunhofer ISST. Schätzungsweise 100 neue Logistiklehrstühle und viele davon mit IT-Bezug seien dafür notwendig.
Die Argumentation hat etwas für sich. Bereits heute setzen Unternehmen wie Zalando oder Amazon in der Logistik erfolgreich auf die Macht der Algorithmen. Mit  superexponentiell zunehmender Komplexität im Internet der Dinge und der 4. Industriellen Revolution wird IT-Kompetenz in der Logistik zur Killer-Applikation. Das Thema scheint angekommen in der Logistik, als Michael ten Hompel beim DLK das Papier vorstellte war der Saal jedenfalls voll. Einige schüttelten den Kopf, andere sahen so aus, als hätten sie ein Aha-Erlebnis. Allemal ein gutes Zeichen für einen brilliante Rede.

Geschäftsmodelle und Wirtschaftstandorte konkurrieren heute in einem nie dagewesenen Ausmaß und die Wettbewerber kommen längst aus Branchen, in denen man sie nicht vermuten würde. Wäre ich Google, ich würde einen integrierten Logistikdienstleister gründen, wobei das Attribut "integriert" sich weniger auf TUL (Transport + Umschlag + Lager) sondern schon eher auf LIT (Logistik + IT) beziehen würde. Was dann?

 

Hintergrund: Das Positionspapier ist das Ergebnis der Diskussionen einer Arbeitsgruppe unter Leitung der BVL-Vorstandsmitglieder Prof. Michael ten Hompel und Frauke Heistermann (AXIT AG) sowie BVL-Mitglied Prof. Jakob Rehof (Fraunhofer ISST). Ferner gehörten ihr Prof. Robert Blackburn (BASF SE), Dr. Karls-Friedrich Rausch (DB Mobility Logistics AG), Frank Wiemer (REWE-Zentral AG), Prof. Thomas Wimmer (BVL) und Prof. Stefan Wolff (4flow AG) an. 
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